Chart des Tages: In diesem Format ordnen HKCM-Analysten regelmäßig ein, welche Werte und Märkte sie gerade besonders beschäftigen. Heute geht es um den wichtigsten Zins der Welt: die Rendite der zehnjährigen US-Staatsanleihe. Die wichtigsten Punkte: • Mehrjahreshoch: Nach einem wochenlangen Ausverkauf am Anleihemarkt steht die Rendite so hoch wie seit 2002 nicht mehr. • Wendepunkt: Das Phantom rechnet mit einem baldigen Hoch und einer anschließenden Korrektur der Renditen. • Rückenwind: Fallende Renditen würden die Märkte entlasten und sprechen aus seiner Sicht für ein freundliches viertes Quartal. |
Am Anleihemarkt brennt es und auf X überbieten sich die Crash-Propheten. Die Rendite der zehnjährigen US-Staatsanleihen, der wichtigste Zins der Welt, steht so hoch wie seit mehr als zwei Jahrzehnten nicht mehr. Das Phantom bleibt gelassen. „Alle starren auf denselben Chart und sehen den Weltuntergang. Ich sehe eine Bewegung, der die Luft ausgeht“, sagt er. Für ihn entscheidet sich jetzt, wie das vierte Quartal an den Märkten verläuft. Seine Schlussfolgerung dürfte viele überraschen: Er wertet die Lage als bullisch.
„Genau in solchen Phasen entstehen Wendepunkte“: Ausverkauf bei Anleihen
Am Montag kletterte die Rendite auf 5.349 Prozent, den höchsten Wert seit April 2002. Dahinter steht ein weltweiter Ausverkauf bei Staatsanleihen, der seit rund sechs Wochen anhält. Fallen die Kurse der Papiere, steigt ihre Rendite. Der Energiepreisschock infolge des Iran-Kriegs schürt die Inflationssorgen. Zugleich hat die US-Staatsverschuldung die Marke von 40 Billionen US-Dollar überschritten. Im September erhöhte die Federal Reserve erstmals seit 2023 den Leitzins. Allein in diesem Monat legte die Rendite um 54 Basispunkte zu.
Der US-Arbeitsmarktbericht für September fiel jedoch mit nur 29 000 neuen Stellen klar schwächer aus als erwartet. Am Markt gilt eine Zinspause der Fed im Oktober seither als wahrscheinlich. Zur Wochenmitte nahm eine solide Auktion zehnjähriger US-Anleihen zusätzlich Druck vom Markt. Das Phantom sieht darin erste Signale. „Der Markt hat in wenigen Wochen enorm viel Schlechtes eingepreist. Genau in solchen Phasen entstehen Wendepunkte“, sagt unser Analyst.
„Ein neues Hoch bedeutet noch lange keinen neuen Trend“: Die Wellenzählung
Sein Wochenchart zeigt die Rendite seit 2019. Den Anstieg vom Corona-Tief bis zum Hoch im Herbst 2023 zählt das Phantom nach der Elliott-Wellen-Theorie als fünfteiligen Impuls. Im Chart trägt dieses Hoch die Markierung [1]. Seither läuft aus seiner Sicht die Welle [2], eine Korrektur aus den drei Teilwellen (A), (B) und (C). Die Welle (A) drückte die Rendite bis Herbst 2024 nach unten.
Die jüngste Rallye ordnet er als Welle (B) ein, im Chart der grüne Pfeil. Für ihn ist sie ein korrektiver Anstieg, der über das Hoch der Welle [1] hinausschießt. „Ein neues Hoch bedeutet noch lange keinen neuen Trend“, erklärt das Phantom. „Eine überschießende Welle (B) sieht am stärksten aus, kurz bevor sie kippt.“ Viel Platz nach oben sieht er nicht mehr: „Das Top kann in den kommenden Tagen fallen.“

Rendite der zehnjährigen US-Staatsanleihe im Wochenchart: Auf die überschießende Welle (B) soll laut Phantom die Abwärtswelle (C) folgen
Danach erwartet er die Welle (C), im Chart der rote Pfeil. Sie dürfte die Rendite über einen längeren Zeitraum deutlich nach unten führen und die Welle [2] abschließen. Übergeordnet bleibt der Aufwärtstrend der Rendite für ihn dennoch intakt. Nach dem Tief der Welle [2] könne er sich mit Schwung fortsetzen. „Zunächst dürfte der Anleihemarkt aber wieder deutlich abkühlen“, sagt das Phantom. „Wer jetzt in Panik verfällt, schaut auf die letzten Meter einer Bewegung und hält sie für den Anfang.“
„Lasst euch nicht verrückt machen“: Fallende Renditen als Rückenwind
Genau daraus leitet das Phantom seine optimistische Haltung ab. Sinkende Renditen verbilligen die Finanzierung für Staaten, Unternehmen und Verbraucher. Zugleich gewinnen Aktien gegenüber Anleihen wieder an Reiz. „Wenn die Renditen bald drehen, nimmt das enormen Druck von den Märkten. Das wäre Rückenwind für das vierte Quartal“, sagt er. Die Crash-Rufe in den sozialen Medien hält er für ein Stimmungsbild. „Wenn auf X jeder Zweite den nächsten Crash ausruft, kommt er selten. Lasst euch nicht verrückt machen.“

Das Szenario des Phantoms auf einen Blick: Nach dem 24-Jahres-Hoch erwartet der Analyst fallende Renditen und Rückenwind für Aktien
Einen Freifahrtschein stellt das Szenario nicht aus. „Oberhalb von rund 5.7 Prozent wird die Luft dünner“, räumt das Phantom ein. Steigt die Rendite bis in diese Region, gerät seine Einschätzung unter Druck. Laut dem am Mittwoch veröffentlichten Fed-Protokoll ist zudem noch eine Zinserhöhung in diesem Jahr möglich. „Die kommenden Wochen zeigen, ob der Anleihemarkt seinen Deckel findet. Ich gehe davon aus“, sagt er.
Wie sich die Lage am Anleihemarkt auf einzelne Aktien auswirkt, ordnen die HKCM-Analysten laufend ein. Die konkreten Marken, Zielzonen und Szenarien zu den wichtigsten US-Werten gibt es im US-Titans-Analysepaket.



