Das Wichtigste in Kürze:
Philip Hopf spricht offen über Fehler und Rückschläge aus seinen Anfangsjahren.
Ein vermeintlich lukratives Versprechen wird für ihn zur bitteren Erfahrung.
Wie sich sein Umgang mit Geld, Risiko und Erfolg über die Jahre verändert hat.
Im ersten Teil unserer Reihe haben wir erzählt, wie Philip Hopf überhaupt an die Börse kam. Welche Rolle sein Vater und Michael Douglas dabei spielten und warum seine eigentliche Leidenschaft bis heute aus einer völlig anderen Welt kommt, erfahren Sie in der ersten Episode unserer Reihe.
Diesmal geht es um die andere Seite seiner Börsenkarriere: um seine größten Verluste, seine bislang erfolgreichste Aktienposition und die Erfahrungen, die seinen Umgang mit Geld und Risiko verändert haben. Dabei spielen ein leeres Versprechen und eine Prostituierte eine ebenso überraschende Rolle wie eine Aktie, die zwischenzeitlich 60 Prozent im Minus lag.
Doch zu diesen Anfangsjahren gehören auch Erfahrungen, die weniger erfolgreich verliefen. Verluste, Fehlentscheidungen und Situationen, die seinen Umgang mit Geld bis heute geprägt haben. Genau dort setzt der zweite Teil an.
Eine seiner teuersten Erfahrungen macht Hopf mit 21 Jahren. Sie kostet ihn 20 000 Euro, damals praktisch alles, was er besitzt. Und sie beginnt mit einem Versprechen, das er sich selbst so lange vorrechnet, bis es irgendwann ziemlich überzeugend klingt: 1 Prozent Gewinn. Jeden Tag.
„Ich bin klassisch ganz übel abgezockt worden“
Hopf ist gerade Anfang 20, als ihm ein Freund erzählt, er sei erfolgreicher Trader. Er habe Erfahrung und könne mit dem Geld anderer hohe Renditen erzielen. Hopf glaubt ihm. Auch sein Bruder Christopher lässt sich darauf ein. Beide geben dem Mann jeweils 20 000 Euro. Für die Brüder ist das damals praktisch ihr gesamtes verfügbares Kapital.
Und Hopf beginnt zu rechnen. „Wow, das ist ja super viel, ein Prozent pro Tag. Dann hast du nämlich 30 Prozent pro Monat.“ Heute beschreibt er ziemlich genau, was damals in seinem Kopf passiert. „Du kannst dir ja wie bei allem Zahlen schönrechnen. Das sind so selbsttäuschende Statistiken.“ Aus einem außergewöhnlichen Versprechen wird in der eigenen Rechnung plötzlich eine scheinbar greifbare Möglichkeit. „Dann haben halt einfach die Überlegung, die Vorsicht und sämtliche andere Dinge ausgesetzt.“ Das Ergebnis fasst Hopf heute knapp zusammen: „Dann bin ich quasi klassisch ganz übel abgezockt worden.“
Hopf erfährt, wo das Geld eigentlich gelandet sein soll
Philip und sein Bruder glauben zu diesem Zeitpunkt, ihr Geld werde an den Finanzmärkten eingesetzt. Erst später erfährt Hopf, dass es ganz woanders gelandet ist. Sein damaliger Freund hatte sich nach Hopfs Schilderung in eine Prostituierte verliebt und wollte sie aus ihrem bisherigen Umfeld herausholen. Dafür soll er ihrem Zuhälter rund 60 000 Euro gezahlt haben. Die Vorstellung dahinter: Er bezahlt einmal, die Frau ist „freigekauft“, die Sache erledigt.
Doch nur drei Tage später, erzählt Hopf, sei der Zuhälter wieder aufgetaucht und habe die Frau zurückgeholt. 60 000 Euro weg, die Frau ebenfalls. „Okay und was willst du dann machen?“ sagt Hopf rückblickend.
Die Geschichte hat damit eine beinahe groteske Wendung: Ausgerechnet der Mann, der Hopf und seinen Bruder mit dem Versprechen hoher Gewinne um jeweils 20 000 Euro gebracht haben soll, fällt nach Hopfs Schilderung selbst auf ein Versprechen herein. Und offenbar ging es längst um weit mehr als das Geld der beiden Brüder. Hopf erfährt später, dass sein ehemaliger Freund auch andere Menschen um Geld gebracht haben soll, darunter sogar seinen eigenen Vater.
Irgendwann habe er Deutschland verlassen, nachdem er auch Menschen Geld schuldete, „mit denen nicht zu spaßen“ gewesen sei. Später, erzählt Hopf, habe der Mann zeitweise im Ausland auf der Straße gelebt.
Das Vertrauen war da, die Gier tat ihr Übriges
Für Hopf liegt die entscheidende Frage heute allerdings weniger darin, was sein damaliger Freund mit dem Geld machte. Interessanter ist für ihn, warum er selbst ihm überhaupt glaubte. Seine Antwort fällt ziemlich eindeutig aus: Vertrauen spielte eine Rolle, vor allem aber Gier. „Erstens gebe ich etwas an jemand anderen, gebe damit Verantwortung aus der Hand und zweitens bin ich gierig, weil der mir große Gewinne versprochen hat.“
Dass ihm so etwas passieren konnte, betrachtet er rückblickend nicht als Beleg dafür, besonders leichtgläubig gewesen zu sein. „Es kann absolut jedem passieren.“ Sein damaliger Freund sei ein sehr guter Redner gewesen. Er habe ein großes Versprechen gesetzt und damit etwas ausgelöst, das Hopf heute auch bei anderen Anlagebetrügereien beobachtet. „Du willst es glauben.“
Wer sich 20 Prozent, 30 Prozent oder noch höhere monatliche Gewinne erhofft, beginnt irgendwann selbst Argumente dafür zu finden, warum das funktionieren könnte. „Ich gebe dir ein großes Versprechen und lass diesen Virus bei dir gedanklich einsetzen.“ Der Rest passiere im eigenen Kopf. Man rechnet, stellt sich die möglichen Gewinne vor und verkauft die Geschichte schließlich an sich selbst. „Dann wirst du dir das selber irgendwann verkaufen.“
Kaufen um 12:09 Uhr, verkaufen um 12:11 Uhr.
Die 20 000 Euro sind nicht das einzige Lehrgeld, das Hopf in seinen Anfangsjahren bezahlt. Auch mit dem eigenen Geld an den Märkten suchen er und seine Mitstreiter zunächst nach Wegen, möglichst schnell erfolgreich zu werden. „Wir haben alles ausprobiert“, sagt Hopf. Dazu gehört Scalping, also extrem kurzfristiges Trading. In einer Minute wurde gekauft und zwei Minuten später wieder verkauft. Kleinste Bewegungen im Markt sollen reichen, um Geld zu verdienen.
Die Methoden dafür stammen aus Büchern und Seminaren. In der Vorstellung des jungen Hopf sieht das ziemlich gut aus. Er sieht sich irgendwann in einem riesigen Büro mit „100 Bildschirmen“, Hosenträgern, Zigarre und nach hinten gegelten Haaren. Ein Wall-Street-Hai wie Gordon Gekko, gespielt von Michael Douglas im Filmklassiker Wall Street (1987).
Die Realität ist weniger glamourös. „In den allermeisten Fällen haben wir dann auf die Schnauze bekommen.“ Hopf spricht heute rückblickend von der Suche nach dem „heiligen Gral“. Je kurzfristiger sie handeln, desto deutlicher wird für ihn irgendwann, dass sie diesen nicht finden werden.
Die Verluste verändern deshalb langsam die Frage, die sich Hopf stellt. Nicht mehr: Welche Methode bringt möglichst schnell möglichst viel Geld? Sondern: Was funktioniert tatsächlich über einen längeren Zeitraum? „Was funktioniert denn wirklich seriös? Was funktioniert nachhaltig?“ Es ist für ihn der Anfang einer Bewegung weg vom Trading und hin zum Investieren.
60 Prozent im Minus und trotzdem nachgekauft
Viele Jahre später sitzt Philip wieder vor einer Position, die zunächst überhaupt nicht so läuft, wie er es sich vorgestellt hat. Es um Palantir. Die Aktie fällt nach seinem Einstieg immer weiter. Irgendwann steht seine Position rund 60 Prozent im Minus. Der Hopf aus seinen Anfangsjahren hätte diese Situation vermutlich anders behandelt. Diesmal schaut er weniger auf die rote Zahl im Depot als auf die Frage, ob sich an seiner ursprünglichen Einschätzung etwas verändert hat. Das Unternehmen sei nicht plötzlich schlechter, nur weil seine Aktie günstiger geworden sei, so seine damalige Überlegung.
Also macht er etwas, das psychologisch nicht unbedingt leichter ist als ein Verkauf. Er kauft nach. Bei 10 Prozent Minus. Bei 20 Prozent. Bei 30 Prozent. Mit jedem weiteren Rückgang wächst seine Position. „Wenn sich auf der fundamentalen Seite nichts verändert, nur der Kurs fällt, dann musst du das eigentlich so betrachten: Das ist wie Winterschlussverkauf.“ Natürlich funktioniert diese Logik nur, wenn die ursprüngliche Einschätzung am Ende tatsächlich aufgeht. Bei Palantir tut sie es. Die Aktie dreht und beginnt zu steigen.
Aus -60 Prozent werden 16x: "Früher hätte ich das nicht ausgehalten"
Was folgt, bezeichnet Philip heute als seine erfolgreichste Aktienposition überhaupt. Rund eineinhalb Jahre hält er an dem Investment fest. Unterwegs verkauft er Teile und nimmt Gewinne mit. Eine Kernposition bleibt jedoch im Depot. Diese Position erreicht nach seiner Rechnung am Ende einen Gewinn von mehr als 1600 Prozent. Die eigentliche Veränderung sieht Hopf aber nicht in der Rendite, sondern darin, dass er überhaupt lange genug investiert geblieben ist, damit sie entstehen konnte. „Zu früheren Zeiten hätte ich nie bis zu so einem großen Gewinn ausgehalten.“
Wer erst 60 Prozent im Minus gelegen habe, für den sehe schließlich schon ein Gewinn von 20 Prozent ziemlich gut aus. Früher, sagt Hopf, hätte er deshalb wahrscheinlich viel eher verkauft. „Dann ist wahrscheinlich, dass du hundertmal vorher verkaufst und es kommt nie zu diesem Gewinn.“ Diesmal kann er warten.
Auch weil inzwischen etwas anders ist als mit 21: Er braucht dieses Geld nicht mehr, um sein Leben grundsätzlich zu verändern. Ein Verkauf bei 200 Prozent oder 300 Prozent Gewinn hätte keinen Sprung mehr von der kleinen Wohnung in ein völlig anderes Leben bedeutet. Der finanzielle Druck ist geringer. Und damit auch der Drang, möglichst schnell auf den Verkaufsknopf zu drücken.
„Ich bin wertschätzender meinem Kapital gegenüber“
Dass Hopf heute anders mit Geld umgeht, führt er nicht nur auf seine Erfahrungen an den Märkten zurück. Auch sein eigenes Leben hat sich verändert. Er ist Vater geworden, hat ein Unternehmen aufgebaut und blickt inzwischen auf rund 15 Jahre Arbeit zurück. Ängstlicher habe ihn das nicht unbedingt gemacht. Aber vorsichtiger mit dem, was bereits da ist.
„Ich bin wertschätzender meinem Kapital gegenüber.“ Geld steht für ihn dabei nicht nur für Konsum oder eine Zahl auf einem Konto. Es ist auch das monetäre Ergebnis der Zeit, die er investiert hat. Wer 15 Jahre damit verbracht habe, etwas aufzubauen, müsse sich irgendwann fragen, warum er dieses Ergebnis noch einmal aufs Spiel setzen sollte.
Nur um möglicherweise doppelt so viel zu besitzen? „So was würde ich nicht machen. Einfach weil ich sage: Warum? Das ist völlig unnötig.“ Genau dort beginnt für Hopf heute eine Form von Gier, die er nicht mehr mitgehen möchte. Risiko nicht mehr einzugehen, weil es notwendig ist, sondern ausschließlich, weil mehr noch immer nicht genug ist.
Wie viel Gier braucht ein Unternehmer?
Ganz verabschiedet hat sich Hopf von der Gier trotzdem nicht. Vielleicht, sagt er, gehört sie sogar ein Stück weit dazu. Wer ein Unternehmen aufbaut und nach Wachstum strebt, müsse schließlich etwas in sich haben, das mehr erreichen will. Die Frage sei eher, wo Strebsamkeit endet und Gier beginnt.
Hopf kennt Unternehmer, die ein Vielfaches dessen besitzen, was er selbst aufgebaut hat, und deren prägender Gedanke trotzdem sei: Wie mache ich noch mehr Geld? Er sagt das ohne Vorwurf. „Ich bewerte das gar nicht, weder positiv noch negativ. Ich bin halt einfach nicht so ein Mensch.“
Stattdessen spricht er von Dankbarkeit. Davon, irgendwann wahrzunehmen, was bereits da ist. Es war ein langer Weg vom 21-Jährigen, der einst vor einer Rechnung saß, in der aus 1 Prozent am Tag plötzlich 30 Prozent im Monat wurden.
„Ich mache YouTube, aber ich bin das nicht“
Schon im ersten Teil dieser Reihe hat Philip gesagt, dass die Börse für ihn nie das ganze Leben gewesen sei. Daran hat auch der Erfolg nichts geändert. Viele andere Unternehmer hätten ihre eigentliche Leidenschaft im Geschäft selbst und würden ständig darüber nachdenken, wie sie noch größer werden könnten. Hopf sieht das anders.
„Ich mache YouTube, aber ich bin das nicht“, sagt er. Für Hopf ist YouTube ein Teil seiner Arbeit, aber nichts, worüber er sich als Mensch definiert. Genauso könnte man vermutlich über die Börse sprechen. Sie hat ihn Geld gekostet und viel eingebracht – und sie hat ihm einige Lektionen erteilt. Mit Anfang 20 musste Hopf erst 20 000 Euro verlieren, um zu verstehen, wie leicht Gier den Blick auf das Offensichtliche verstellen kann. Viele Jahre später besteht eine seiner wichtigsten Erkenntnisse deshalb ausgerechnet darin, nicht mehr jeder Aussicht auf noch mehr hinterherlaufen zu müssen.
Vielleicht passt es deshalb ganz gut, wo Hopf sitzt, während er all das erzählt. Nicht im Gekko-Style mit Hosenträgern und Zigarre, wie er es sich als junger Mann einmal vorgestellt hatte. Sondern mit Fischerhut in einem Boot auf einem Alpensee auf rund 1200 Höhenmetern. Drei Tage lang beißt kaum etwas an. Dann, rund eine Stunde vor unserem Gespräch, klappt es doch noch. Wer weiß, wo er die Angel auswirft, braucht am Ende nur noch Geduld.




