Das Wichtigste in Kürze:
Hohe Ölpreise, hohe Anleiherenditen und hohe Inflation stressen den Markt
Aber: Die Gleichung „Teures Öl = schlecht für Krypto“ greift zu kurz
Die wichtigste Frage bleibt: Was macht die Konjunktur?
Guten Morgen!
Der Finanzmarkt befindet sich mitten in einer turbulenten Woche. Morgen steht das nächste FOMC-Meeting mit dem neuen Fed-Chef Kevin Warsh an (19:00 Uhr deutscher Zeit), am Donnerstag folgt die EZB mit ihrer Zinsentscheidung (14:15 deutscher Zeit). Hinzu kommen am Donnerstag die Meldung des annualisierten Bruttoinlandsprodukts der USA und die persönlichen Konsumausgaben (PCE) als bevorzugter Inflations-Indikator der US-Notenbank Fed. Damit aber nicht genug. Denn in der Nacht auf Freitag entscheidet auch noch die japanische Zentralbank (BoJ) über ihren neuen Leitzins.
Der Finanzmarkt wird dabei den Ölpreis besonders genau im Blick behalten. Im März erreichte die Nordsee-Ölsorte Brent infolge der Kriege im Iran und der Ukraine bei knapp 120 Dollar ein Vierjahreshoch und notiert heute, nach dem Sommertief bei rund 70, wieder bei 111 Dollar. Teures Öl treibt die Inflation. Darauf verwiesen Fed, EZB und BoJ bei ihren jüngsten Zinsanhebungen. Das ist schlecht für den Kryptomarkt, der stark von lockerer Geldpolitik abhängig ist – so zumindest die verbreitete Meinung. Aber stimmt das überhaupt? Ein Blick in die Historie wirft Fragen auf.
Warum teures Öl (nicht) schlecht für Krypto ist
Die Argumentationskette klingt plausibel: Teures Öl heizt die Inflation an. Bei hartnäckiger Inflation können Notenbanken die Geldpolitik nicht lockern, damit die Teuerung nicht außer Kontrolle gerät. Und wenn die Notenbanken ihre Geldpolitik nicht lockern, kann der liquiditätssensible Kryptomarkt keine Stärke zeigen. Das stärkste historische Argument dafür liefert die Corona-Krise 2020: Damals senkte die US-Notenbank Fed ihren Leitzins plötzlich auf null. Nach dem heftigen Crash im März 2020 explodierte Bitcoin von rund 4000 auf knapp 70 000 Dollar; die letzte große Altcoin-Season folgte.

Im Corona-Crash senkte die Fed ihre Zinsen quasi auf null. Anschließend begann der Bitcoin-Bullrun. Was parallel bei Ölpreisen und Inflation passierte, ist bemerkenswert.
Wie sich der Ölpreis in dieser Phase verhielt, war bemerkenswert. Gemäß der einfachen Gleichung hoher Ölpreis = schwacher Kryptomarkt könnte man rückblickend vermuten, dass der Ölpreis in dieser Phase deutlich anstieg. Doch das Gegenteil war der Fall. Zum ersten Mal in der Geschichte wurde der Preis eines wichtigen US-Öl-Futures-Kontrakts kurzzeitig negativ: Am 20. April 2020 fiel der auslaufende WTI-Futures-Kontrakt für Mai auf minus 37.63 Dollar je Barrel. Das bedeutete, dass Verkäufer zeitweise Geld dafür zahlen mussten, ihre Lieferverpflichtungen loszuwerden.
Der Preissturz hatte mehrere Ursachen: Die Nachfrage war infolge der Pandemie eingebrochen, die Lagerkapazitäten wurden knapp und der auslaufende Futures-Kontrakt geriet unter besonderen Verkaufsdruck. Die größte Krise der Nachkriegsgeschichte drohte. Wer brauchte da noch Öl? Also stürzte der Preis gemeinsam mit Krypto und dem US-Konjunkturindikator PMI (Einkaufsmanagerindex) ab. Doch die Erholung kam rasch: Öl federte von negativen Preisen bis Frühling 2021 zurück auf rund 70 Dollar, und Bitcoin startete seinen Bullrun.

Im Corona-Crash stürzten auch Öl (blau) und der Konjunktur-Indikator PMI (rot) ab. Anschließend erholten sie sich gemeinsam mit Bitcoin und Altcoins.
Ist teures Öl nun also gut oder schlecht für den Kryptomarkt? Die Antwort ist so simpel wie unbefriedigend (zumindest zunächst): Es kommt darauf an. Es kommt darauf an, in welcher konjunkturellen Phase sich der Markt befindet. Und es kommt darauf an, ob eine Ölpreis-Rallye gerade erst anfängt oder schon deutlich fortgeschritten ist. Denn: So gegenläufig sich Ölpreise und Risiko-Assets wie Bitcoin oder Altcoins kurzfristig entwickeln können, so sehr können beide Märkte über längere Zeiträume von denselben konjunkturellen Entwicklungen profitieren oder belastet werden (also korrelieren). Entscheidend ist, wie der Markt die Ölpreis-Entwicklung interpretiert – eher als Zeichen des Wachstums oder als Katalysator einer Inflationskrise.
Steigende Ölpreise = Altcoin-Season?
Die Gleichung ist einfach: Erholt sich die Wirtschaft, steigt die Nachfrage nach Öl als Treibstoff für eine neu erstarkende Industrie. Ein konjunktureller Aufschwung verbessert zugleich die Wachstumsaussichten vieler Unternehmen und kann die Risikobereitschaft der Anleger erhöhen. Und die letzten Aufschwünge waren begleitet von geldpolitischen Lockerungsmaßnahmen der US-Notenbank Federal Reserve, was wiederum Risiko-Assets zugutekommt. Der Corona-Crash war eine historische Ausnahme, zeigt aber die Regel: Konjunkturelle Panik belastet Risiko-Assets und Öl gleichermaßen. Wirtschaftliche Erholung beflügelt sie.

2016, 2020 und 2026 fielen Krypto, Öl und PMI (Konjunktur gemeinsam). Auch bei der anschließenden Erholung korrelierten alle drei.
Ist teures Öl also gar nicht so schlecht für den Kryptomarkt, wie gemeinhin angenommen? Ist der Rückschluss teures Öl = schlecht für Bitcoin & Altcoins sogar ein Irrtum? Und warum fühlt sich die Öl-Rallye der letzten Monate dann so negativ an aus Sicht des Kryptomarktes? Die Antwort liegt, wie so oft, in der Emotionalität des Marktes. Aus Sicht der Börse kann sich eine Ölpreis-Rallye konstruktiv oder auch destruktiv anfühlen. Der Anstieg der Ölpreise 2020 erscheint rückblickend konstruktiv, weil er als Bestätigung der wirtschaftlichen Erholung nach dem Crash interpretiert werden kann.
2026 hingegen ist diese Lesart etwas anders. Der US-PMI signalisiert eine Erholung des verarbeitenden Gewerbes, nachdem der Sektor zuvor zehn Monate lang geschrumpft war. Die Gründe für den Ölpreis-Anstieg sind diesmal aber nicht so eindeutig auf wirtschaftliche Erholung zurückzuführen. Denn mit den Kriegen im Iran und der Ukraine kommen große geopolitische Krisenherde hinzu, die bei vielen Anlegern die Frage aufwerfen: Steigt der Ölpreis nun, weil sich die Industrie erholt, oder nur wegen der Kriege?

Steigende Inflation ist nicht unbedingt schlecht für Bitcoin – wenn sie dem Konjunktur-Aufschwung folgt. Ist der Zyklus zu Ende, wird die hohe Inflation zum Problem. Wo stehen wir aktuell?
Dass sich die Konjunktur langsam erholt, ist am US-PMI abzulesen. Damit kommt aber eine zusätzliche Angst ins Spiel: Was, wenn der Ölpreis durch die Kriege zu schnell (und zu hoch) gestiegen ist und die Zentralbanken mit ihren Zinsanhebungen die Erholung abwürgen? Ähnlich verhält es sich mit der Inflation: Steigende Inflation muss für die Börsen kein unmittelbares Warnsignal sein, wenn sie mit robustem Wirtschaftswachstum einhergeht und die Geldpolitik ausreichend unterstützend bleibt. Ist die Inflation allerdings hartnäckig hoch, während die Konjunktur schwächelt, so befürchtet die Börse Stagflation – also hohe Inflation (die Zentralbanken daran hindert, geldpolitisch zu stimulieren), die eine Erholung verhindert.
Altcoins und Öl – haben wir uns alle geirrt?
Einfach zu behaupten, dass hohe Inflation oder steigende Ölpreise schlecht für Bitcoin oder Altcoins wären, greift also zu kurz. Es kommt darauf an, in welcher konjunkturellen Phase sich der Gesamtmarkt befindet. Entscheidend für die aktuelle Situation ist deshalb die Frage: Setzt sich die konjunkturelle Erholung fort? Oder sind die Ölpreise bereits so stark gestiegen, dass sie das Wachstum ausbremsen und die Inflation weiter anheizen?
Das gilt auch für Staatsanleiherenditen, deren Anstieg zuletzt für Verunsicherung sorgte. Steigende Renditen sind in einem konjunkturellen Aufschwung nicht ungewöhnlich, weil Anleger mit stärkerem Wachstum, höherer Inflation oder steigenden Leitzinsen rechnen. Entscheidend ist, ob die positiven Wachstumsaussichten die Belastungen durch höhere Preise und Finanzierungskosten überwiegen. Steigen die Renditen dagegen vor allem aus Angst vor hartnäckiger Inflation und einer entsprechend restriktiven Geldpolitik, kann das die Erwartungen an Zinssenkungen dämpfen und Risikoanlagen wie Bitcoin und Altcoins unter Druck setzen.

Hohe Anleiherenditen können eine positive Entwicklung der Börse begleiten, wenn sie dem konjunkturellen Aufschwung folgen. Wichtig ist: Preist der Markt Wachstum ein oder nur Angst vor Inflation?
Vorerst überwiegt an den Märkten die Sorge, dass die gestiegenen Ölpreise die Inflation weiter anheizen und die konjunkturelle Erholung abwürgen könnten. Das dürfte auch der Grund sein, dass die jüngsten Öl-Ausschläge wieder für Verunsicherung sorgen. So notiert WTI heute leicht rückläufig bei knapp 101 Dollar, während der Nasdaq-100 (29 273 Punkte, +1.09 Prozent) und der S&P 500 (7676 Punkte, +0.70 Prozent) gestern leicht positiv schlossen. Bitcoin bleibt knapp unterhalb von 80 000 Dollar relativ schwach, Ethereum versucht, die 2300-Dollar-Marke zu verteidigen.
FAQ: Altcoins und Öl
Warum sind hohe Ölpreise für Bitcoin und Altcoins (nicht) problematisch?
Steigende Ölpreise können die Inflation verstärken und die Kosten für Unternehmen und Verbraucher erhöhen. Bleibt der Preisdruck hoch, könnten Notenbanken ihre Zinsen länger auf einem restriktiven Niveau halten oder weitere Zinserhöhungen erwägen. Das kann die Liquidität an den Finanzmärkten belasten und die Nachfrage nach riskanteren Anlagen wie Bitcoin und Altcoins schwächen. Gleichzeitig können Öl, Inflation und Risiko-Anlagen in Phasen konjunktureller Aufschwünge stark positiv korrelieren.
Können steigende Ölpreise auch mit steigenden Kryptokursen einhergehen?
Ja. Steigende Ölpreise können auch auf eine anziehende Konjunktur und eine höhere industrielle Nachfrage hindeuten. Verbessern sich gleichzeitig die Wachstumsaussichten, kann die Risikobereitschaft der Anleger zunehmen. Entscheidend ist deshalb, ob der Ölpreisanstieg vor allem wirtschaftliche Stärke widerspiegelt oder hauptsächlich durch geopolitische Krisen und Inflationsängste ausgelöst wird.
Was bedeutet der Zusammenhang zwischen Ölpreisen, Anleiherenditen und Kryptowährungen?
Steigende Anleiherenditen können unterschiedliche Ursachen haben. Sind sie Ausdruck besserer Wachstumsaussichten, müssen sie nicht zwangsläufig schlecht für Aktien und Kryptowährungen sein. Steigen sie dagegen, weil Anleger anhaltende Inflation und eine länger restriktive Geldpolitik erwarten, können sie riskante Anlagen unter Druck setzen. Höhere Renditen machen Anleihen zudem im Vergleich zu spekulativeren Investments attraktiver.
Was entscheidet darüber, ob eine Altcoin-Season beginnen kann?
Ein wichtiger Faktor ist das Zusammenspiel von Konjunktur, Inflation und Geldpolitik. Eine wirtschaftliche Erholung kann die Risikobereitschaft stärken und damit auch Kryptowährungen zugutekommen. Bleibt die Inflation jedoch hoch und reagieren die Notenbanken mit einer restriktiven Geldpolitik, kann das die Liquidität begrenzen. Ein steigender Ölpreis allein ist daher weder ein verlässliches Signal für eine bevorstehende Altcoin-Season noch ein sicherer Vorbote fallender Kurse.




