Das Wichtigste in Kürze:
Kleine Altcoins performen seit Februar deutlich besser als Bitcoin
Ethereum und Others brechen jahrelange Abwärtstrends
Risiko-Rotation im Finanzmarkt nimmt sukzessive Formen an
Guten Morgen!
Schuldenkrise in den USA, Angst vor Stagflation, Iran-Krieg und Energiepreis-Explosion – die letzten Monate waren vollgestopft mit negativen Impulsen für den Weltmarkt. Ausgerechnet den bis dahin so schwachen Kryptosektor schienen diese Verwerfungen spätestens seit dem Sommer nicht mehr zu interessieren. Nachdem Bitcoin Ende Juni sein bisheriges Zyklustief bei rund 58 000 US-Dollar gesetzt und anschließend für ein paar Wochen oberhalb von 60 000 Dollar konsolidiert hatte, ging es ab Mitte August steil aufwärts.

Seit dem Februar-Tief haben kleine Altcoins (Others) besser performt als Bitcoin. Größere Altcoins (Total3) hinken noch hinterher.
Dabei zeigte sich ein ungewohntes Bild: Vor allem kleinere Altcoins außerhalb der Krypto-Top-10 (Others) zogen mit starkem Momentum nach und überflügelten Bitcoin ab Anfang September deutlich. Während die Top-125-Altcoins exklusive Bitcoin und Ethereum (Total3) – also vor allem die großen Kryptowährungen rund um XRP, Solana, Cardano und Avalanche – nach wie vor hinterherhinken, sprühten kleinere Kryptos nur so vor bullischem Elan. Das könnte mehr sein als ein kurzes Strohfeuer. Vier Charts zeigen, warum.
Altcoins brechen den Abwärtstrend: Wie geht’s weiter?
Die letzten fünf Jahre waren historisch für Altcoins. Historisch negativ. Im Verhältnis zu Bitcoin befand sich der Altcoin-Sektor (hier repräsentiert von den kleineren Altcoins in der kumulierten Others-Marketcap) von Anfang 2022 bis Ende 2025 in einem Abwärtstrend. 45 Monate lang. Selbst die Altcoin-Rallye Anfang 2024, als sich viele kleinere Kryptowährungen innerhalb weniger Wochen vervielfachten, scheiterte an der Abwärtstrendlinie. Seitdem ging es stetig bergab. Den traurigen Höhepunkt dieses Abwärtstrends markierte das Krypto-Blutbad am 10. Oktober 2025.

Kleine Altcoins (Others) brechen gerade aus einem fünfjährigen Abwärtstrend gegen Bitcoin aus. Selbst die Altcoin-Rallye 2024 hat das nicht geschafft.
Seitdem hat sich viel getan im Verhältnis zwischen Altcoins und Bitcoin – auch wenn es auf dem Chart nicht danach aussieht. Denn was die Others-Marktkapitalisierung bereits Ende 2025 geschafft hat, ist bemerkenswert: Nach fünf Jahren kontinuierlicher Abwertung gegenüber Bitcoin ist die grüne durchbrochen und überwunden worden. Dabei zündete der Altcoin-Sektor im Kollektiv noch kein großes Feuerwerk – die Seitwärtskonsolidierung mit zuletzt leichtem Aufwärtstrend reichte aber, um den Trend zu brechen und zuletzt sogar die Hochs im BTC-Verhältnis von September 2025 zu attackieren.
Unterstützt wird dieser Ausbruch von zunehmend positiver Indikatorenlage. Auf dem obigen Monats-Chart sprang der Relative-Stärke-Index (RSI) Anfang des Jahres zum ersten Mal seit Oktober 2023 über seine gelbe Durchschnittslinie. Beinahe gleichzeitig gelang dem Momentum-Indikator MACD eine bullische Kreuzung. Abgesehen von dem kurzen Fakeout, das der Altcoin-Run 2024 produzierte, handelt es sich dabei um das erste nachhaltige bullische Crossing seit 2020 und 2016. Im betreffenden Zeitraum 2020 ließ sich im Monatschart von Others vs. Bitcoin ein ähnlicher Ausbruch aus einem mehrjährigen Abwärtstrend beobachten wie Anfang 2026.
Wann kommt Ethereum in die Gänge?
Das ist die entscheidende Frage für eine nachhaltige Altcoin-Rallye. Wer sich einen Aufschwung im breiten Kryptosektor wie 2017 oder 2021 wünscht, muss zunächst auf eine kräftige Performance des Altcoin-Marktführers Ethereum hoffen – vor allem im Verhältnis zu Bitcoin. Denn erst die relative Stärke von ETH gegen BTC entfesselte in früheren Zyklen echte Altcoin-Seasons. Trotz der kräftigen Anstiege von Ethereum in den letzten Wochen blieb ETH/BTC weitgehend flach. Doch auch hier häufen sich so langsam die bullischen Signale.

Ethereum befindet sich nach dem Tief (rote Box) auf demselben Konsolidierungslevel wie 2020/2021 (gelbe Box). Der Abwärtstrend seit 2017 scheint zu enden, RSI und MACD senden bullische Signale.
Ähnlich wie der breite Altcoin-Sektor befand sich Ethereum gegen Bitcoin in einem langjährigen Abwärtstrend – in diesem Fall sogar seit dem Bullrun-Top 2017! Beinahe zehn Jahre wurde Ethereum gegenüber Bitcoin von der grünen gestrichelten Trendlinie im obigen Chart zurückgehalten. Nicht einmal der Bullrun 2021 brachte ein neues Hoch für ETH/BTC, geschweige denn einen nachhaltigen Ausbruch aus dem Abwärtstrend. Vielmehr kehrte Ethereum im Bitcoin-Verhältnis auf die Tiefs von 2019 und 2020 zurück (rote Boxen), bevor es mit dem Anstieg im Sommer letzten Jahres zurück in den Konsolidierungsbereich zwischen 0.028 und 0.043 ging.
Mehr dazu hier: Risikofreude zurück! Technische Bitcoin-Signale wie 2017 und 2021
Damit notiert Ethereum nicht nur in derselben Konsolidierungszone wie bereits vor der Altcoin-Season 2021 (gelbe Boxen), sondern auch erstmals seit Jahren oberhalb der grünen Abwärtstrendlinie. Und auch bei den Indikatoren wiederholen sich Muster des letzten Bullruns. So brach der RSI schon im Herbst 2025 über seine gelbe Durchschnittslinie aus und testete sie im schwachen Sommer 2026 erneut von oben (analog zum Frühjahr 2021). Beinahe analog zum RSI-Ausbruch über die gelbe Signallinie gelang die erste bullische Kreuzung im Monats-MACD seit 2020.
Altcoins sind tot! Oder etwa nicht?
Ethereum und (vor allem kleinere) Altcoins zeigen also die ersten Zeichen relativer Stärke gegenüber Bitcoin nach langen Jahren des Abwärtstrends. Und das ist kein Zufall: Die Risikofreude im breiten Finanzmarkt stieg zuletzt stetig, das zeigten Indikatoren wie etwa das Kursverhältnis von Kupfer zu Gold, der Konjunkturindikator PMI (Einkaufsmanagerindex der USA) oder auch der Smallcap-Index Russell 2000, in dem US-Aktien mit kleiner Marketcap gesammelt sind und dessen Stärke auch in früheren Krypto-Zyklen als vorgelagerter Indikator für die Risiko-Rotation fungierte.
Mehr dazu hier: Ciao, Vierjahreszyklus! Auf diese drei Signale haben BTC & Altcoins gewartet!
Auffällig ist: Jedes Mal, wenn der Russell 2000 in den letzten zehn Jahren auf neue Allzeithochs ausbrach und Altcoins parallel nach langen Bärenmärkten in den ersten Aufwärtstrend gegenüber Bitcoin gingen, wurde der breite Kryptomarkt für tot erklärt. 2017 und 2021 folgte darauf jeweils eine Altcoin-Season. Ob es diesmal auch so kommt, ist freilich offen. Für eine starke Altcoin-Rallye braucht der Kryptomarkt einen robusten Bitcoin und relative Stärke von Ethereum. Diesbezüglich verlangt der Kryptomarkt seinen Anlegern in diesem Zyklus besonders viel Geduld ab. Und auch weiterhin gilt: Anstiege erfolgen nicht in einer Linie, weitere (Zwischen-) Korrekturen sind selbst in einem starken Aufwärtstrend zu erwarten. Von blinder Euphorie ist also strikt abzuraten.

Chartstruktur und Marktstimmung ähneln 2016 und 2020. Aber Vorsicht: Eine Garantie gibt es nicht! Die aktuelle gelbe Trendlinie sollte der Altcoin-Sektor vs. Bitcoin nicht unterschreiten, sonst könnte es nochmal ungemütlich werden.
Wichtig zu verstehen ist: Eine Altcoin-Season ist nicht planbar. Die bullische Indikatorenlage und die Ausbrüche von Ethereum und Altcoins aus jahrelangen Abwärtstrends gegenüber Bitcoin sollte man nicht unterschätzen. Und dennoch bleibt technische Analyse ein Spiel mit Wahrscheinlichkeiten. Nur, weil sich Muster der Vergangenheit wiederholen, muss es nicht genauso kommen wie 2017 und 2021. Vor allem im volatilen Kryptomarkt ist neben guten Nerven vor allem Geduld und ein gesundes Risikomanagement gefragt. Die bullischen Zeichen sollte man auf dem Schirm haben – aber auch die Risiken in dieser Frühphase einer möglichen Altcoin-Rallye nicht auf die leichte Schulter nehmen.
Mit steigenden Kursen und wachsendem Interesse am Kryptomarkt nimmt auch die Volatilität zu. Eine kleine Kostprobe davon lieferte Bitcoin gestern. Zum wiederholten Male versuchte BTC einen Angriff auf die 87 000 Dollar, wurde aber erneut heftig zurückgeschlagen und startete den Mittwoch bei rund 84 000. Ethereum setzte etwas stärker auf 2600 Dollar zurück, die gesammelte Krypto-Marktkapitalisierung fiel von gut 2.9 auf 2.83 Billionen Dollar. Leichter Druck kommt vom erneut leicht steigenden Rohölpreis (WTI bei knapp 90 Dollar pro Barrel) und vom kräftigen US-Dollar-Index bei 102.23 Punkten. Stärke zeigte gestern hingegen der Nasdaq-100 mit einem neuen Rekordschluss bei 31 224 Punkten, der S&P 500 hält bei 7818 Punkten.
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Q&A: Bitcoin und Altcoins
Was ist der Unterschied zwischen Bitcoin und Altcoins?
Bitcoin ist die älteste und nach Marktkapitalisierung mit Abstand größte Kryptowährung. Als Altcoins werden vereinfacht alle anderen Kryptowährungen bezeichnet. Dazu gehören große Projekte wie Ethereum, Solana oder XRP ebenso wie kleinere und deutlich spekulativere Token.
Warum sind Altcoins meist volatiler als Bitcoin?
Altcoins haben häufig eine geringere Marktkapitalisierung und weniger Liquidität. Dadurch können schon vergleichsweise geringe Zu- oder Abflüsse die Kurse stark bewegen. Gleichzeitig reagieren Anleger bei steigender Risikofreude häufig besonders stark auf kleinere Kryptowährungen – in schwachen Marktphasen können diese aber auch deutlich stärker fallen.
Was ist eine Altcoin-Season?
Von einer Altcoin-Season spricht man, wenn viele Altcoins über einen längeren Zeitraum deutlich stärker steigen als Bitcoin. Kapital wandert dabei typischerweise schrittweise von Bitcoin in Ethereum und anschließend in größere und kleinere Altcoins. Eine einheitliche Definition des Begriffs gibt es allerdings nicht.
Welche Rolle spielt Ethereum für den Altcoin-Markt?
Ethereum gilt aufgrund seiner Größe und Bedeutung häufig als Bindeglied zwischen Bitcoin und dem übrigen Altcoin-Markt. Steigt Ethereum gegenüber Bitcoin deutlich, kann dies ein Zeichen für zunehmende Risikobereitschaft im Kryptomarkt sein. Historisch gingen starke Bewegungen von ETH gegenüber BTC häufig mit einer breiteren Stärke bei Altcoins einher.
Woran lässt sich erkennen, ob Altcoins gegenüber Bitcoin stärker werden?
Ein wichtiger Ansatz ist der Vergleich der Marktkapitalisierung von Altcoins mit der von Bitcoin. Steigt dieser Wert über einen längeren Zeitraum, gewinnen Altcoins relativ zu Bitcoin an Bedeutung. Auch Kursverhältnisse wie ETH/BTC sowie technische Indikatoren können Hinweise auf eine zunehmende relative Stärke liefern.
Bedeutet eine zunehmende Stärke der Altcoins automatisch eine neue Altcoin-Season?
Nein. Ein Ausbruch aus einem langfristigen Abwärtstrend kann zwar ein positives Signal sein, garantiert aber keine nachhaltige Rallye. Gerade kleinere Kryptowährungen reagieren besonders empfindlich auf eine Verschlechterung der Marktstimmung. Deshalb sollte zwischen ersten Anzeichen einer Trendwende und einer tatsächlich etablierten Altcoin-Season unterschieden werden.



